Martin Gamon, Marcel Maister
In unserem heutigen Blogbeitrag entführen wir euch auf eine Zeitreise ins Jahr 1863 und widmen uns einem Kriminalfall. Der Schauplatz ist die malerisch gelegene Alpe Gamperdona im heute so genannten Nenzinger Himmel, ungefähr 15 Kilometer südlich des Dorfes Nenzing. Auf einer Höhe von etwa 1365 Metern über dem Meeresspiegel thront die Alpe am Bach Meng zwischen majestätischen Gipfeln unmittelbar angrenzend an zwei Nachbarländer: das Fürstentum Liechtenstein und die Schweiz.
Im Frühherbst des Jahres 1863 ereignete sich in diesem himmlischen Tal ein teuflischer Mordfall, der bis heute in den Köpfen der Nenzinger präsent ist – eine Geschichte, die fast jedes Kind kennt und die auch nach mehr als 160 Jahren für Gesprächsstoff sorgt. Diese Geschichte wurde uns Autoren schon in unserer Kindheit erzählt und hat uns bis heute fasziniert. Da diese Erzählung die Geschehnisse jener Nacht – wenn auch erzählerisch ausgeschmückt – zusammenfasst und somit den Ausgangspunkt für unsere Recherchen bildet, wollen wir sie an dieser Stelle wiedergeben, wie sie im Buch „Sagen und Geschichten aus Nenzing“ von Karl Gamon (Gamon 1986, 112–114) überliefert wird:
Der Mord im Nenzinger Himmel
Daniel Gut hatte sich für drei Jahre als Hirt und Zusenn nach Gamperdona verdingt. So weilte er im Sommer 1863 wieder im Nenzinger Himmel. Damals standen die vier Sennhütten noch auf der Schupfa. Vom Alppersonal hatte Gut einige, die ihm sehr gewogen waren, doch fehlte es auch an Feinden nicht. In den letzten Jahren wurde er ein wenig unvertraut. Allerdings wurde er viel verspottet und gehänselt. So baute er auf Stafeldon neben der Hirtenhütte eine eigene aus einigen Steinen und Brettern und übersiedelte dorthin, da die Hirten ihn stets plagten. Sehr wahrscheinlich dürften sie auch auf den plötzlichen Tod der Köchin zu Gurtis hingewiesen haben. Um die Hirten zu ärgern, schnitt Daniel in diesem Sommer etlichen Kühen die Schwänze ab. Die Hirten glaubten zuerst, die Rinder werden wohl in den Dornen und in den Hägen hängengeblieben sein. An einem Abend sah ein Hirte oberhalb der Asma (Gestell, auf der die Brenta getrocknet werden) eine Menge Kuhschwänze hängen. Sofort fiel der Verdacht auf Daniel, da man ihm alles Schlechte zutraute.
Nun kam der verhängnisvolle Tag des 21. September 1863. Wie all abendlich beteten auch an diesem Abend die Hirten den Rosenkranz und sangen anschließend noch einige Lieder. Es war schon ziemlich spät, als der Senn Markus Küng erklärte: ‚Jetzt ist Schluß!‘ Daniel Gut meinte jedoch: ‚Wir singen noch das Räuberlied, dann legen wir uns ins Stroh.‘ Der Senn gebot aber Feierabend. Alles schlüpfte in die Pritschen, nur Daniel nicht. Als das Alppersonal schlief, kroch Gut mit einer Axt und einer Kerze auf das Lager und hieb Küng den Kopf ab. Gut holte bereits zum zweiten Schlag auf den nächsten Hirten aus, als durch Zugluft die Kerze erlosch. Gut verfehlte das Ziel und hieb in die Balken. Rasch griff er zum Rasiermesser und wollte so dem Senn den Hals durchschneiden, doch verletzte Gut ihn nur durch einen tiefen Schnitt im Kinn. Auf die dumpfen Schläge zündeten die Hirten die Kerzen an und sahen mit Schaudern den Kopf des Küng über die Pritsche hängen. Gut sprang davon und flüchtete zu den Hütten hinein. Er eilte zu Sepp Selb, doch fand er die Türe versperrt. Ausgerechnet heute hatte Selb die Türe verschlossen, denn der Föhn brauste durchs Tal und so wollte er das Zu- und Aufschlagen der Türe verhindern. Gut klopfte an. Als Selb nicht öffnete, rief er hinein: ‚Kumm, mach uf, i will di noch rasiera!‘ Selb erwiderte: ‚Aber net jetz mitta in d’r Nacht!‘ Auf das hin sagte Daniel: ‚Bhüat di, i ho da Küng umbrocht!‘ und rannte zu den Hütten in den Löchera und zündete diese an. Inzwischen eilten die Hirten zu den Finanzern, um von ihnen Hilfe zu holen, da sie Gewehre besaßen. Nun sahen sie in den Löchera die Hütten brennen. Nichts Gutes ahnend, stürmten sie dahin. Im Feuerschein entdeckten sie Gut auf einem größeren Stein stehen. Beim Näherkommen rief er ihnen zu: ‚lahr Herra, iahr erwüschen mi nümma!‘ und sprang mit einem Satz ins Feuer.
Rasch war alles in ganz Gamperdona auf den Beinen und sie sahen und hörten mit Entsetzen, was in dieser Nacht geschehen war. Kein Auge schloß sich, denn der Mörder und Selbstmörder gab ihnen genug zu reden und zu berichten.
Als die Glut am andern Tag erloschen war, suchten die Leute nach dem Leichnam. Sie fanden ihn zu einem Klumpen verbrannt in der Asche und unter verkohlten Balken liegen. Der Rote Schreiner war bereit, gegen Bezahlung von 10 Gulden den Leichnam herauszuführen, so willigte die Gemeinde gerne ein. Der Rote Schreiner warf den Leichnam auf einen Karren und fuhr zu Tal. Auf dem Riedle unterhalb Stellfeder ließ er den Karren stehen und begab sich zur Gemeinde, um den Lohn zu holen und sich zu erkundigen, was er nun mit Gut anfangen soll. Der Vorsteher wollte nun nicht mehr zehn, sondern nur acht Gulden bezahlen. Der Rote Schreiner erklärte kurz und bündig: ‚Dann bringe ich euch Gut daher und lade ihn vor dem Gemeindeamt ab.‘ Auf das hin legte der Vorsteher rasch die zehn Gulden auf den Tisch, denn er wußte, daß mit dem Mann nicht zu spaßen war. Der Rote Schreiner verscharrte Gut auf dem Riedle.
Nicht nur die Gemüter in Nenzing waren ob dieser schrecklichen Tat erhitzt, auch Göfis war darob entsetzt. Göfis stellte eine Tag- und Nachtwache auf, da sie fürchteten, Nenzing könnte ihnen ihren Heimatsohn bringen; sie aber wollten nicht einen Mörder und Selbstmörder unter ihrer Erde begraben wissen.
So ruhen heute noch die Gebeine des Daniel Gut auf dem Riedle. Die einzigen, die für den Mörder gebetet haben mögen, werden wohl die Angehörigen des Daniel, insbesonders aber sein Bruder und Pfarrer in Gurtis gewesen sein.
Im Sterbebuch der Pfarrei Nenzing steht über den Mord im Nenzinger Himmel der Vermerk:
‚Am 21. September 1863 um 1 Uhr früh wurde Markus Küng, 33 Jahre alt, Sohn des Thomas Küng und der Katharina Gamon, wohnhaft in Grav 142 (heute Bazulstraße 50) in der Alpe Gamperdona als Senn von dem Kuhhirten Daniel Gut ermordet. Beerdigt am 23. September 1863. Am 21. September früh starb Daniel Gut, gehörig nach Göfis, Mörder des obigen. Nach vollbrachtem Mord zündete er eine Sennhütte an, sprang in die Flammen, worin er den Tod fand‘.
Im selben Buch widmet Karl Gamon dem Mörder, Selbstmörder und Brandstifter Daniel Gut ein eigenes Kapitel (Gamon 1986, 187–189). In diesem finden sich zur Vorgeschichte und dem vermuteten Anlaß des Mordes weitere Informationen:
Daniel Gut
Daniel Gut ist als Kind des Johann Gut und der Franziska Walser am 11. August 1818 in Dums, Göfis geboren. Von den zwölf Kindern starben fünf noch in der Wiege. Wie es damals Sitte war, tauften die Eltern ihre Kinder nach Namen aus der nächsten Verwandtschaft. Drei Knaben mit dem Namen Daniel, benannt nach dem Großvater, starben gleich nach der Geburt. Doch sein Vater ließ nicht locker und taufte den nächsten Buben, es war das elfte Kind, wiederum mit dem Namen Daniel.
Sein Bruder Josef kam als siebtes Kind am 6. Juli 1809 zur Welt und wurde 1835 zum Priester geweiht. Er kam am 28. Oktober 1839 als Pfarrer der Expositur nach Gurtis und verblieb hier bis 1870. Am 23. Februar dieses Jahres wurde er zum Pfarrer von Lochau ernannt, wo er im Alter von 77 Jahren am 5. Jänner 1887 starb. Dr. Andreas Ulmer nennt ihn einen beliebten und geachteten Seelsorger.
Die Cousine des Daniel und des Josef Gut, Anna Maria, geboren am 22. April 1810 und Tochter des Josef Gut und der Katharina Amann, führte für den Pfarrer Gut den Haushalt.
Daniel Gut war in den Sommermonaten auf den Alpen, so drei Sommer im Senntum Gamperdona als Hirt und Zusenn. Während der Wintermonate half er seinem Bruder in Gurtis in der Landwirtschaft.
Daniel war ein großer, baumstarker Bursche, dem es an Hochmut und an Einbildung nicht fehlte; seinen Kaiserbart trug er stets mit Stolz. Er hatte eine gute, kräftige Stimme, sodaß er als Sänger gerne gehört und gesehen war. Früher wurde auf den Alpen am Abend nach des Tages Arbeit ein Rosenkranz gebetet, bei dem Daniel ebenso mitmachte wie die andern. Anschließend stimmte er jedesmal noch ein Lied an. In Gaststätten spielte er gerne Polizei, damit alle am Morgen zur Arbeit ausgeschlafen seien, wie er dazu erklärte. Ein Vertrauter des Daniel, Sepp Selb, traf in den Wintermonaten des Jahres 1863 in Feldkirch einen Göfner, der ihn frug: ‚Wia honder’s mit’m Daniel Gut?‘ Selb gab zur Antwort: ‚Jo so allweg, halt stritta und allerhand!‘ Selb stutzte nun doch, als ihm der Göfner berichtete: ‚Gut war heuer im Winter im „Krönele“ zu Altenstadt. Da gings wild zu. Keiner hatte sich wegen Daniel mehr aus der Wirtschaft getraut.‘
Mit Menschen, mit denen er nicht gut stand, geriet er gerne in Streit. Das Mädchen, zu dem er zur Stubat ging, nannte ihn einen rechten Mann, auf den sie viel gebe. Wegen seines Humors war er überall beliebt. Infolge seiner Stärke und wegen seiner Streitsucht wurde er mitunter gefürchtet. Selbst Selb, der ebenso als kräftiger Mann galt, konnte es nicht mit ihm aufnehmen.
Aus den verschiedenen Urteilen ist zu schließen, daß Daniel von zwiespältiger Natur war. Seine Streitsucht und die Neigung zum Jähzorn machten in unberechbar, wie der Mord im Nenzinger Himmel im selben Jahr zeigt.
Im Winter 1863 arbeitete Daniel wieder bei seinem Bruder in Gurtis. Der Pfarrer führte wie die meisten Geistlichen auf dem Lande damals eine kleine Landwirtschaft und besaß von der Regierung eine Gastwirtschaftslizenz, da es damals in Gurtis kein konzessioniertes Gasthaus gab. Die Haushälterin bediente an den Sonntagen die Gäste auch als Kellnerin.
An einem Februartag 1863 mußte der Pfarrer nach Nenzing, um etliche Geschäfte zu erledigen und mit dem dortigen Pfarrherrn einige Dinge zu besprechen. An diesem Tag führte Daniel mit einem Schlitten Mist auf die Wiese. Als er am Nachmittag gegen drei Uhr einen Gurtisser traf, sagte er zu ihm, er müsse nun nach Hause, sehen, ob die Köchin für ihn eine Jause gerichtet habe. Kurz danach trat er aus dem Pfarrhof und erklärte den Leuten, die Köchin liege tot auf der Kellerstiege, daneben brenne noch die Kerze, ferner liege auch der Käseteller und das Mostglas auf der Stiege.
Bald nach diesem Ereignis ging in Gurtis das Gerücht um, Daniel habe die Haushälterin über die Stiege gestoßen, sodaß sie durch den Sturz zu Tode gefallen sei. Der Landarzt Hummel stellte Tod durch einen Schlaganfall fest. Auf das Gerede über Daniel soll der Landarzt wegen seines Befundes über die Todesursache arge Gewissensbisse bekommen haben. Die Haushälterin wurde nach Göfis überführt und am 13. Februar dort beerdigt. Auch Daniel dürfte von diesem Gerede wohl erfahren haben. Im Sterbebuch der Pfarrei Gurtis heißt es ‚11. Februar 1863, Anna Maria Gut, Curat-Haushälterin am Schlagfluß.‘ Die Eltern sind als Bauersleute in Göfis angeführt.
Ob Anna Maria tatsächlich auf der Kellerstiege an Schlagfluß gestorben ist oder Daniel sie über die Kellerstiege gestoßen hat, konnte nicht mehr geklärt werden.
Später erzählte man, Pfarrer Gut wäre bei seinen Predigten immer wieder aus dem Thema gekommen. Er dürfte nach alldem auf eigenen Wunsch nach Lochau versetzt worden sein. Dr. Andreas Ulmer schreibt in der ‚Topographischen Beschreibung Band Sonnenberg‘ von einer ‚vermeintlich ihm widerfahrenen Ehrenbeleidigung.‘
Unter den in Lochau nach 1865 gemachten Stiftungen scheint auch die des Pfarrers Gut auf. Sie umfaßt einen Jahrtag mit vier heiligen Messen mit einem Kapital von 360 Gulden [Anm.: Im Jahr 1887 entspräche das in heutiger Währung ca. 6300€]. Auffallend ist, daß alle Stiftungen mit einer Ausnahme unter dem Wert von 360 Gulden lagen, selbst die des Bischofs von St. Pölten, Josef Feßler, betrug ‚nur‘ 300 Gulden. Pfarrer Gut dürfte in der Stiftung besonders seines Bruders Daniel gedacht haben, der ja durch ein tragisches Geschick in Gamperdona den Tod gefunden hat.
Neben einigen spannenden Informationen zur vermuteten Vorgeschichte des Mordes im Nenzinger Himmel fallen beim genaueren Lesen der obigen Erzählung die Formulierungen „großer, baumstarker Bursche“ und „Das Mädchen, zu dem er zur Stubat ging“ auf, da Daniel Gut im Jahr 1863 bereits 45 Jahre alt war.
Bereits 1964, also 101 Jahre nach dem Mord, veröffentlichte Karl Gamon in der „Sunntagstubat“ (Wochenbeilage zum Vorarlberger Volksblatt, Nr. 35) einen teilweise wortgleichen, aber kürzeren Artikel, welcher die Grundlage für die beiden obigen Erzählungen bildete. Diese drei Artikel von Karl Gamon liefern im Wesentlichen das bislang bekannte, publizierte Wissen über die Vorgänge im Nenzinger Himmel im September 1863.
Ziemlich genau 50 Jahre nach dem Mord an Markus Küng ereignete sich im Gamperdonatal im Gebiet Salaruel ein weiterer Mord, welcher bereits aufgearbeitet wurde. Die schrecklichen Verbrechen Daniel Guts im September 1863 – Mord, versuchter Mord, Selbstmord und Brandstiftung – sind hingegen noch nicht ausreichend bearbeitet worden. Aufgrund der erwähnten schwierigen Quellenlage – die zur Sage verwobenen mündlichen Erzählungen sowie wenige bekannte Schriftquellen – bleiben für den historisch Interessierten jedenfalls einige Fragen nach den Details und den „hard facts“ offen. Anlass genug für uns, genauer zu recherchieren und zu versuchen, die über die Zeit hinzugefügten erzählerischen Elemente von den Tatsachen zu schälen. Aber ist es über 160 Jahre später überhaupt noch möglich, neue Details und Einblicke zu finden? Eins vorweg: Ja, ist es, und zwar in einem Ausmaß, das uns selbst überrascht hat!
Die Quellen
Anders als beim erwähnten und aufgearbeiteten Mord im Salaruel vom 26. September 1913 standen wir bei unseren Recherchen zu den Verbrechen Daniel Guts im September 1863 vor dem Problem, dass aufgrund des anschließenden Selbstmords keine Gerichtsverhandlung erfolgte und daher auch keine diesbezüglichen Akten vorhanden sind. Somit war eine Schnitzeljagd mit vielen Sackgassen und unerwarteten Wendungen notwendig, um bislang unbekannte bzw. vergessene Fakten und Details zu den Gräueltaten Daniel Guts ausfindig zu machen. An dieser Stelle möchten wir uns daher bei den zahlreichen hilfsbereiten Auskunftspersonen und Helfer:innen in den diversen Archiven etc. herzlich bedanken! Ganz besonders danken möchten wir Fabio Curman, der uns bei den Recherchen und der Transkription tatkräftig unterstützt hat!
Leider ist derzeit nicht mehr nachvollziehbar, woher Karl Gamon einige seiner Informationen hatte. Während er vieles sicherlich in den unterschiedlichen Archiven recherchierte, beruht anderes vermutlich auf mündlichen Erzählungen (oral history). Die ein oder andere, vermutlich über die Zeit hinzugefügte erzählerische Ausschmückung fand wahrscheinlich ebenfalls Eingang in diese sagenartige Erzählungen. Diese Details sollten daher mit Vorsicht behandelt werden.
Wir wollen an dieser Stelle darauf hinweisen, dass der vorliegende Beitrag immens von der heutigen digitalen Welt profitiert hat und unsere Recherchen in der vorliegenden Form ohne die modernen Hilfsmittel wohl gar nicht möglich bzw. um ein Vielfaches aufwändiger und zeitintensiver gewesen wären. Dank Online-Repositorien wie z. B. ANNO (AustriaN Newspaper Online) oder Matricula hat man heute bequem von zuhause aus Zugriff auf digitalisierte Zeitungen bzw. Tauf- und Sterbebücher. Da die Digitalisate dieser Quellen aufgrund von automatisierter Texterkennung (OCR) maschinenlesbar vorliegen, sind diese Dokumente für Benutzer:innen nach Schlagworten durchsuchbar, was die Recherche immens erleichtert. Frühere Forscher – in diesem Fall Karl Gamon (1915–2004) und auch Otto Marte (1893–1981) – hatten diese Annehmlichkeiten unserer heutigen digitalen Welt nicht zur Verfügung. Damals hieß Archivrecherche noch, tatsächlich selbst in die Archive zu gehen und die Archivalien händisch zu durchsuchen. Aufgrund des heutigen niederschwelligen Zugangs zu den digitalisierten Archivalien war es nicht nur uns relativ einfach möglich, spannende neue Erkenntnisse zu gewinnen; in Zukunft werden wohl noch wesentlich mehr bislang unbekannte historische Details, welche bislang in den Archiven „schlummerten“, ins Licht der Forschung geholt.
Für die historische Forschung mit räumlichem Bezug in der Habsburgermonarchie des 19. Jahrhunderts ist der Franziszeische Katasterplan natürlich unerlässlich. Ein Glücksfall für unsere Forschungen ist, dass dieser für Vorarlberg im Jahr 1857 und somit nur sechs Jahre vor dem Mord im Gamperdontal erstellt wurde, wodurch er für die Ermittlung der Tatorte im Gamperdonatal zu einer einzigartigen Quelle wird. Ergänzt wird der Franziszeische Katasterplan durch Bauparzellenprotokolle, historische Luftbilder und Geländebegehungen. Erleichtert wurde die Arbeit mit dem Franziszeischen Katasterplan natürlich durch die bereits aufbereiteten Metadaten im Web-GIS von us Holz und Schtaa.
Bei unseren Recherchen waren nicht nur Tauf- und Sterbebücher sowie Verfachbücher, sondern auch Tageszeitungen hilfreich. Die Feldkircher Zeitung und die Tiroler Volks- und Schützenzeitung berichteten bereits am 23. September – also zwei Tage nach den Vorfällen (die Feldkircher Zeitung ergänzend am 26. September) – und waren somit die ersten, die Informationen über die Tragödie im Gamperdonatal veröffentlichten. Generell soll an dieser Stelle festgehalten werden, dass uns die Feldkircher Zeitung als allgemein verlässlichste Quelle erscheint, sicherlich auch da die beiden Artikel räumlich und zeitlich sehr nahe am Geschehen waren. Weitere Zeitungen im In- und Ausland (z. B. Wien, Budapest, Rheinland-Pfalz, Nürnberg, Dortmund, Engadin) berichteten über die Vorfälle, wobei oft von der Schützenzeitung, aber auch von anderen Zeitungen Details bzw. sogar der ganze Text abgeschrieben wurde. Dabei wurden auch Fehler gemacht, z. B. „Künz“ statt Küng, „Sterzing in Vorarlberg“ oder die Verortung Nenzings im „Montafun“.
Allgemein ist festzuhalten, dass sich die Darstellungen in den verschiedenen Zeitungen zum Teil massiv unterscheiden, sodass der Wahrheitsgehalt mancher dieser Artikel mitunter fraglich ist. Da einige Zeitungen bestimmte Details von anderen Zeitungen übernahmen, lässt sich auch bei mehrfacher Nennung von Einzelheiten (z. B. Tatwaffe, Tathergang etc.) in verschiedenen Zeitungen nicht automatisch darauf schließen, dass diese „Fakten“ korrekt sind. Ein eindrückliches Beispiel dafür, dass die Details in den Zeitungen nicht immer der Realität entsprechen, ist die Vorarlberger Landeszeitung: Hier wird behauptet, dass der Senn (also das eigentliche Mordopfer Markus Küng) den „älteren Hirten“ umgebracht habe, womit die Täter-Opfer-Rolle umgekehrt wurde. Außerdem habe der Mörder die Hütte, in welcher der Mord statt fand, angezündet, was ebenfalls nicht den Tatsachen entspricht. Es zeigt sich also, dass die Zeitungen zwar wichtige historische Quellen darstellen, jedoch Vorsicht und Quellenkritik geboten sind.
Die Zeitungen können als nicht unmittelbare Zeitzeugen – ähnlich wie die oral history – nur eine Version der Realität bzw. des tatsächlich Geschehenen vermitteln. Da bei den Recherchen für den vorliegenden Artikel hinsichtlich einiger Details der Verbrechen Daniel Guts keine Archivalien in den Archiven (Nenzinger Gemeindearchiv, Vorarlberger Landesarchiv) gefunden werden konnten, müssen sich die folgenden Ausführungen dennoch auf die Zeitungsartikel stützen. Daher rekonstruieren wir eine – aus unserer Sicht sehr wahrscheinliche – Version der tatsächlichen Begebenheiten im Nenzinger Himmel in der Nacht vom 20. auf den 21. September 1863, jedoch ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Da wir im Folgenden nur einzelne Aussagen aus den Zeitungsartikeln zitieren und um unsere Vermutungen und Recherchen bestmöglich zu belegen, wollen wir die digitalen Möglichkeiten eines Blogs nutzen und die vorhandenen Onlinequellen verlinken. Damit sind auch Sie, werte Leser:innen, eingeladen, unserer Schnitzeljagd in die Vergangenheit nachzufolgen und darüber hinaus in den Zeitungen, Archivalien etc. zu schmökern.
Die Beteiligten
Betrachten wir zunächst die bereits erwähnten und weitere relevante Personen aus dem Umfeld der Geschehnisse:
- Daniel Gut, Kuhhirte aus Göfis, *11.08.1818 in Göfis – †21.09.1863 in Gamperdona
Gut war 1863 als Kuhhirte auf der Alpe Gamperdona tätig. Er war der jüngere Bruder von Josef Gut, der zu dieser Zeit Pfarrer in Gurtis war. Neben dem belegten Mord an Markus Küng wurde ihm laut mündlicher Überlieferung auch der Mord an seiner Cousine Anna Maria Gut zugeschrieben. - Markus Küng, Senn aus Nenzing, *12.11.1830 in Nenzing – †21.09.1863 in Gamperdona
Er war Senn auf der Alpe Gamperdona und wurde von Daniel Gut in einer Gemeindesennhütte ermordet. - Josef Tschetter, *18.03.1834 in Nenzing – †18.11.1872 in Nenzing
Tschetter war als Hirte auf der Alpe Gamperdona tätig. Er befand sich zum Zeitpunkt des Mordes an Küng in derselben Sennhütte und wurde von Daniel Gut durch einen Schnitt am Kinn verletzt. - Josef „Sepp“ Selb, Bauer in Nenzing, *10.12.1800 in Nenzing – †27.09.1874 in Nenzing
Selb war ebenfalls Hirte auf der Alpe Gamperdona, er wurde angeblich auf der Flucht von Daniel Gut durch die geschlossene Hüttentür angesprochen. - Josef Gut, Pfarrer, 1839–1870 in Gurtis, *06.07.1809 in Göfis – †05.01.1887 in Lochau)
Pfarrer Josef Gut war Priester in der Kuratie Gurtis, er war der ältere Bruder des Täters Daniel Gut. Streng genommen war Josef Gut nicht Pfarrer sondern Expositus, da Gurtis keine eigene Pfarre war und ist. - Anna Maria Gut, *22.04.1810 in Göfis – †11.02.1863 in Gurtis
Anna Maria Gut war die Haushälterin des Pfarrers Josef Gut und die Cousine von Josef und Daniel Gut. Laut der mündlichen Überlieferung wird sie als mögliches Mordopfer von Daniel Gut genannt. - Lorenz Ammann, Schreiner in Nenzing, *04.10.1807 in Nenzing – †29.01.1874 in Nenzing
Der „Rote Schreiner“, vermutlich aufgrund seiner roten Haare so genannt, übernahm den Transport und die Bestattung des Leichnams von Daniel Gut.

Die Vorgeschichte
Die wahrscheinliche Vorgeschichte der Tragödie im Nenzinger Himmel führt uns zunächst weder ins Gamperdonatal noch ins Dorf Nenzing, sondern in das zur Gemeinde Nenzing gehörende Dorf Gurtis. Hier war Josef Gut, der Bruder des späteren Mörders Daniel Gut, von 1839 bis 1870 Pfarrer. Interessanterweise hatte er auch eine Gasthauslizenz, was für Geistliche etwas unüblich war. Bei ihm war Anna Maria Gut, die Cousine der beiden Brüder, als „Curat-Häuserin“ (= Pfarrhaushälterin) angestellt. Daniel Gut, der sich unter anderem als Hirt verdingte, hielt sich laut Karl Gamon teilweise ebenfalls bei seinem Bruder im Pfarrhaus in Gurtis auf. Alle drei stammten aus dem nahen Göfis.
Am 11. Februar 1863 starb die ledige und kinderlose Anna Maria Gut im Alter von 52 Jahren einen plötzlichen Tod. Im Sterbebuch der Kuratie Gurtis wurde Schlagfluss (= Schlaganfall) als Todesursache vermerkt, ebenso dass sie ohne Empfang der Sterbesakramente starb. Als Todesort wird das Haus Nr. 21 (heutige Adresse: Enderwinkel 6) angegeben. Dieses Haus ist der Pfarrhof von Gurtis.
Dass Anna Maria Gut als Pfarrhaushälterin bei ihrem Tod im Pfarrhof nicht die Sterbesakramente erhielt, deutet auf einen unerwarteten Tod hin und scheint mit der im Gurtiser Sterbebuch vermerkten Todesursache übereinzustimmen. Allerdings halten sich in Gurtis und Nenzing bis heute Gerüchte über den Todesfall der Anna Maria Gut. Laut diesen war sie zum Zeitpunkt ihres Todes schwanger, als Vater wurde einer ihrer beiden Cousins – vermutlich Daniel Gut – verdächtigt. Angesichts ihres Alters zum Todeszeitpunkt scheint eine Schwangerschaft eher unwahrscheinlich, wenn auch nicht komplett undenkbar – allerdings ist wohl eher anzunehmen, dass hier die Gerüchteküche brodelte. Ob der berühmte, damals bereits 75-jährige Nenzinger Landarzt Christian Hummel (1787–1868; weitere Infos zur Person Christian Hummel) bei der Totenbeschau die vermeintliche Schwangerschaft bzw. den vermeintlichen Mord feststellen hätte müssen bzw. ob er den Leichnam überhaupt – aufgrund eines nach dem Tod Anna Maria Guts aufkommenden Gerüchts – hinsichtlich einer möglichen Schwangerschaft oder Fremdeinwirkung untersuchte, kann heute nicht mehr nachvollzogen werden. Laut Karl Gamon habe der Nenzinger Landarzt jedoch aufgrund der aufkommenden Gerüchte „Gewissensbisse“ bekommen.
Eventuell wurde die Sage der Geistergestalt „Pfaffakellerin“ vom Schicksal der Person Anna Maria Gut bzw. von den Gerüchten über sie zumindest beeinflußt: Laut der Sage war die Pfaffenkellerin „früher eine Pfarrersköchin von Gurtis, die heimlich ein Kind gebar und es den Schweinen vorwarf“. Der Wortteil -kellerin könnte auf den Tod Anna Maria Guts auf der Kellerstiege verweisen.
Sehr interessant ist in Zusammenhang mit den erwähnten Gerüchten ein nachträglicher, lateinischer Vermerk im Sterbebuch der Gemeinde Göfis, in welchem unterhalb der ursprünglichen Todesursache („Schlagfluss“) notiert ist: „verisimiliter occisa“ (= wahrscheinlich getötet). Die Gerüchte waren demnach dermaßen verbreitet und vehement, dass jemand es für notwendig befand, diesen Vermerk nachträglich im Sterbebuch der Gemeinde Göfis, also einem offiziellen Dokument, einzutragen. Da es sich beim Nachtrag „verisimiliter occisa“ nicht um eine übliche lateinische Formulierung bzw. Standardfloskel (wie z. B. requiescat in pace – RIP) handelte, stellt sich die Frage, warum der Eintrag nicht auf deutsch erfolgte. Vermutlich wollte der Schreiber die Vermutungen über die Umstände des Todes Anna Maria Guts schriftlich festhalten, jedoch vermeiden, dass jeder diesen Eintrag lesen konnte. Wann genau – bald nach dem Tod Anna Maria Guts, nach dem Selbstmord Daniel Guts oder erst später – der Nachtrag erfolgte, ist nicht feststellbar. Die unterschiedliche Handschrift deutet eventuell auf einen größeren zeitlichen Abstand (und/oder zwei verschiedene Schreiber?) hin. Als Verfasser des Nachtrags scheint Johann Mayer (1859–1893 Pfarrer in Göfis) wahrscheinlich, da er zuständig für das Sterbebuch war und Latein konnte.

Der vermeintliche Mord und die vermutete Schwangerschaft als Motiv lassen sich heute nicht mehr belegen, jedoch ist dieser nachträgliche Vermerk ein vielsagender Hinweis. Die diesbezüglichen Gerüchte hielten sich in Gurtis sehr lange und wurden eventuell als „bekannte Hundegeschichte“ bezeichnet, die dem Pfarrer Josef Gut vielleicht auch Widerstand in seiner Pfarre einbrachte. Karl Gamon impliziert, dass der Tod seiner Cousine Anna Maria Gut und wohl auch seines Bruders Daniel Gut und das damit einhergehendem Gerede aus seiner Pfarrgemeinde zu seiner Versetzung von Gurtis nach Lochau im Jahr 1870 führten, wobei der zeitliche Abstand zu den Geschehnissen 1863 überrascht. Der „plötzliche Tod der Köchin zu Gurtis“ im Februar 1863 dürfte jedenfalls auch ein Mitgrund gewesen sein, warum Daniel Gut im darauffolgenden Alpsommer von den anderen Hirten „verspottet und gehänselt“ und „geplagt“ wurde, wie Karl Gamon bereits andeutete.
Dieser vermutete Mord an Anna Maria Gut wird in den zeitgenössischen Zeitungen jedoch kaum erwähnt, nur in der Feldkircher Zeitung wird in einem Nachtrag der „heuer im Frühjahr erfolgte plötzliche Todesfall einer Frauensperson in Gurtis mit dem Unglücksmenschen [Anm.: Daniel Gut] in Verbindung“ gebracht. Vielleicht verweist der schwammige Satz „Diese schauerlichen Taten waren die Folgen ungezähmter Leidenschaften.“ in einem Artikel anlässlich des 60-jährigen Gedenkens an die Bluttat im Gamperdonatal ebenfalls auf den vermeintlichen Mord an Anna Maria Gut bzw. auf die diesbezüglichen Gerüchte.
In den Zeitungen wird jedoch meistens ein anderer Anlass bzw. Auslöser für den Mord genannt: Daniel Gut habe von 200 Kühen „die Haarbüschel an den Schwänzen […] recht hübsch und kunstgerecht abgeschoren“. Diese Tat war der Zeitung Der Tierfreund sogar einen Artikel über den „Tierquäler, zugleich Mörder und Brandleger“ wert. Diese Schandtat wurde vom restlichen Alppersonal entdeckt. Sie verdächtigten Daniel Gut, bei dem man „beim Nachsuchen das Haar unter den Habseligkeiten des Hirten in einem Sacke aufbewahrt“ fand. Daniel Gut wurde daraufhin zur Rede gestellt und gestand. Dies geschah anscheinend – zumindest laut den Zeitungen – direkt vor der Mordnacht, also am Sonntag, dem 20. September. Dieser Vorfall könnte daher tatsächlich der Auslöser für die folgenden Taten gewesen sein bzw. der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Nur zwei Zeitungen aus der Schweiz (St. Galler Zeitung und Fögl d’Engiadina) bringen das Abschneiden der Kuhschwanzbüschel mit einem wirtschaftlichen Ziel bzw. Diebstahl in Verbindung, nämlich dass Gut diese einem Sattler verkaufen wollte. Allerdings ist fraglich, woher die Schweizer Zeitungen diese Information hatten und wieso andere (Vorarlberger) Zeitungen (z. B. die Feldkircher Zeitung) nicht davon berichteten.
In der in Altstätten gedruckten „St. Galler Zeitung“ vom 28. September 1863 wird hierzu berichtet: „Während des vergangenen Spätsommers machte ein Senne in fraglichen Alpen die Bemerkung, daß seinen Kühen von Zeit zu Zeit die Schwanzbüschel abgschoren wurden, und schöpfte Verdacht gegen seinen Küher, daß derselbe etwa mit einem Sattler in Verbindung stehe und solchem dieses Haarmaterial zu gutem Preise liefere. Der Senne machte Anzeige bei dem Untersuchungsamte in Nenzing, welches Amt vergangenen Montag Morgen auf der Alp selbst die nöthigen Vorerhebungen zu machen gedachte. Dies wurde dem Küher von irgendwelcher Seite schon am Sonntag hinterbracht, und die nahende Gerechtigkeit schien mächtig auf sein böses Gewissen einzuwirken, allein nicht in einem guten Sinne.“ Es ist fraglich, ob alle Fakten in der St. Galler Zeitung stimmen, da wesentliche Punkte (z. B. die Verortung des Nenzinger Himmels) nicht korrekt sind. Zudem widersprechen einige Details den Angaben aus der Feldkircher Zeitung bzw. sind nicht deckungsgleich. Vermutlich wurden einige Fakten bei der mündlichen Weitergabe (Stichwort: „Stille Post“) verzerrt oder zur Dramatisierung ausgeschmückt. Sollten die Vermutungen hinsichtlich des geplanten Verkaufs der Kuhschwänze stimmen, hätten wir es nicht mit Tierquälerei zu tun, sondern mit Diebstahl.
Dass am Tag nach der Mordnacht der Besuch eines „Untersuchungsamts“ vorgesehen war, scheint in Kombination mit den auch in anderen Zeitungen erwähnten abgeschnittenen Kuhschwanzbüscheln plausibel. Allerdings ist auch denkbar, dass hier die anlässlich des Mordes und Selbstmordes am Montagmorgen in den Nenzinger Himmel gesandte Kommission mit den Hinweisen auf die Kuhschwanzbüschel vermischt wurden. Leider waren im Zuge der Recherchen für diesen Blogbeitrag hinsichtlich einer solchen Kommission keine Archivalien im Nenzinger Gemeindearchiv, dem Vorarlberger Landesarchiv und dem Bezirksgericht Bludenz auffindbar.
Der Artikel der St. Galler Zeitung wurde drei Tage (am 1. Oktober 1863) später wortgleich in der ebenfalls in Altstätten erschienenen Zeitung „Der Bote am Rhein“ abgedruckt. Vielsagend ist die an den Artikel angehängte „Anmerkung des Boten: Schon am 23. Sept. Abends wurde der Redaktion des Boten diese Schaudermähr von einem Österreicher erzählt und um Aufnahme derselben gebeten. Wir hielten jedoch diese über allen Begriff des Tragischen hinausgehende Kette von Trauerszenen in Wahrheit für unmöglich und zögerten darum mit der Aufnahme. Über die Richtigkeit dieser Thatsachen scheint nun kein Zweifel mehr walten zu dürfen.“
Der Mord
Nach dem Gespräch zwischen Daniel Gut und dem restlichen Alppersonal bezüglich der abgeschnittenen Kuhschwänze legten sich laut unseren Quellen die Anwesenden in der Sennhütte für die Nacht nieder. Gemäß der Servitustsregulierungsurkunde vom 28.11.1883 hatten die Sennhütten jeweils ein Schlaflager („Lagerstätte“) für das Alppersonal mit einer Fläche von 9 m². Anscheinend befand sich das Schlaflager ebenerdig in der Sennküche: „Die alten Sennhütten auf der Schupfa, dem Armafiel und in Tschöppis und auf den Hochalpen waren nach dem gleichen Muster erstellt. Sie bestanden aus der Sennküche, in welcher ein Teil als Schlaf- und Wohnraum für das Personal diente, im anderen die einfache Sennereieinrichtung ihren Platz hatte“ (Marte 1981, 69). Auf jeden Fall war das Schlaflager für das Alppersonal räumlich begrenzt – laut Feldkircher Zeitung lagerten die Anwesenden „nicht weit auseinander zum Schlafe“.
Angeblich hielten sich neben Daniel Gut noch fünf weitere Personen (laut St. Galler Zeitung nur drei weitere Personen) in der Hütte auf. Leider liegen die damaligen Hirtenrechnungen nicht mehr vor, weswegen wir derzeit nicht belegen können, welche weiteren Personen sich in dieser Nacht in der Gemeindesennhütte befanden. Laut einer Alphirtenrechnung von 1856 befanden sich in Gamperdona vier Sennen, vier Kuhhirten, vier Beisennen, vier Kleinbeisennen und vier Kleinkuhhirten, also jeweils fünf Personen für jede der vier Hochalpen. Demzufolge wären neben Daniel Gut weitere vier Personen des Alppersonals Stafeldon in der Hütte anwesend gewesen, aber es ist natürlich denkbar, dass eine Person (z. B. Sepp Selb? Laut Marte 1981, 120 war dieser „Mitknecht“) in einer anderen Hütte schlief oder dass eine weitere Person in der Stafeldoner Sennhütte uf der Schupfa anwesend war.
Laut dem Nenzinger Sterbebuch und der Feldkircher Zeitung stand Daniel Gut kurz vor bzw. gegen 1 Uhr nachts auf und tötete den schlafenden Senn Markus Küng. Danach wandte er sich Josef Tschetter zu, um auch ihn zu töten. Tschetter kam jedoch mit einer tiefen Wunde im Hals- und Gesichtsbereich davon. Er schrie um Hilfe, was die anderen in der Hütte weckte. Daniel Gut floh daraufhin taleinwärts zu den privaten Sennhütten.
Tschetter wird in den zeitgenössischen Zeitungen fälschlicherweise als Christian bezeichnet, jedoch handelte es sich um Josef Tschetter, der neun Jahre später bei einem Forstunfall ums Leben kam. Im Zeitungsbericht zu seinem Unfalltod 1872 wird der Mordversuch an ihm erwähnt. Laut diesem Zeitungsbericht sei Tschetter damals mit „einem Schnitte über den Kienbackenknochen und dem Schrecken davon gekommen“.
Interessanterweise finden sich nur in der Feldkircher Zeitung und in der St. Galler Zeitung Hinweise darauf, dass Daniel Gut neben Tschetter auch weitere Personen in der Hütte verletzt habe. Laut der Feldkircher Zeitung „löschte [Anm. Daniel Gut] beim Zuschlagen das Licht in der Alphütte aus, so daß er dann nur im Dunkel mit der Axt herumfuchteln konnte. Er versetzte nicht blos dem Verwundeten [Anm.: Tschetter], sondern auch noch dritten in der Hütte befindliche Personen Axtschläge, doch nur mit der Haube, nicht mit dem schneidigen Theile.“ Es scheint somit, dass Daniel Gut in der Dunkelheit unbeabsichtigt (sich hinter ihm befindliche?) Personen mit der Rückseite der Axt traf. Anderes berichtete hingegen die St. Galler Zeitung. Laut ihr waren es zwei Buben, welche „vom Geräusche des vorangegangenen Kampfes erwacht, […] sich voll Todesangst unter die wollenen Decken verkrochen, erhielten aber durch die wollenen Decken mehrere Axtschläge und nicht unbedeutende Verwundungen.“ Die beiden Versionen widersprechen einander – das eine Mal herumfuchteln in der Dunkelheit, das andere Mal absichtliche Axtschläge auf Schutz suchende Buben. Etwas unglaubwürdig scheint, dass die beiden Buben unter den Wolldecken keine ernsteren Verletzungen erlitten. Zudem ist es fraglich, warum die angeblich verwundeten Hirtenbuben nicht durch andere Zeitungen und die mündliche Tradition und somit auch in der Erzählung Karl Gamons aufgegriffen wurden. Daher ist es fraglich, ob die Angaben zum Angriff auf die beiden Hirtenbuben korrekt sind.
Auch hinsichtlich des Tathergangs und der Tatwaffe(n) sind sich die Quellen nicht einig: während laut der eingangs zitierten Sage sowohl der Mord an Küng als auch der Mordversuch an Tschetter mit einer Axt bzw. einem Rasiermesser durchgeführt wurde, berichtet die Feldkircher Zeitung vom 23. September: „In der Nacht nun schnitt der fragliche Hirte einem schlafenden Sennen [Anm.: Küng] den Hals plötzlich durch und führte dann noch auf den Hals eines zweiten Sennen [Anm.: Tschetter], der neben dem ersten schlief, einen Hieb, traf aber nicht den Hals, sondern brachte demselben nur eine Schnittwunde an Wange und Kinn bei.“ Es wird weiter ausgeführt, „daß der Mörder sein Opfer [Anm.: Küng] mit einem gut geschliffenen Messer umbrachte. Er versetzte demselben auch einen Stich in den Brustkorb, welcher die Lunge verletzte. Als der Senn, den er sich zum zweiten Opfer [Anm.: Tschetter] ausersehen hatte, nach der Verwundung aufsprang, drang der Mörder mit einer Axt auf ihn ein, löschte beim Zuschlagen das Licht in der Alphütte aus, so daß er dann nur im Dunkel mit der Axt herumfuchteln konnte.“ Die Angaben zu den Tatwaffen in der Feldkircher Zeitung (gut geschliffenes Messer bei Markus Küng, Axt bei Josef Tschetter) und in der Erzählung Karl Gamons (Axt bei Markus Küng, Rasiermesser bei Josef Tschetter) widersprechen sich. In den anderen Zeitungen wird ebenfalls ein Messer (in der Vorarlberger Landeszeitung ein Rasiermesser) und keine Axt als Mordwaffe genannt. Da sich die schriftlichen Quellen nicht einig sind, können wir die Tatwaffe(n) nicht mehr mit Sicherheit bestimmen. Allerdings gilt auch hier, dass wir den Ausführungen der Feldkircher Zeitung aufgrund der zeitlichen und räumlichen Nähe mehr Glauben schenken als den restlichen Quellen.
Auch der in der Feldkircher Zeitung geschilderte Tathergang unterscheidet sich in den Details – z. B. der Messerstich in die Brust, die im Balken stecken gebliebene Axt – von jenen in der Sage.
Einige Zeitungen zweifeln an der geistigen Verfassung Daniel Guts, da dieser sonst nicht im Stande gewesen wäre, solche Verbrechen auszuführen: „Es ist, wenn man die rasch aufeinander folgenden schrecklichen Verbrechen in´s Auge faßt, kaum möglich, daß der Mann bei gesunden Sinnen gewesen sein kann.“ bzw. „Ursache dieser gräuelhaften That scheint Geistesverwirrung zum Grunde zu liegen.“ Auch in späteren Zeitungen ist die Rede von einem „geistesumnachteten Übeltäter“.
Der Tatort
Die zeitgenössischen Zeitungsberichte erwähnen, dass Daniel Gut nach dem Mord vom Tatort bei den Gemeindesennhütten taleinwärts floh und sich zu den Privathütten (den heutigen Ferienhütten) begab. Heute würde man wohl voreilig vermuten, dass der Tatort das bestehende Senntum im Tschöppis war, da es die einzige bestehende Sennerei in der Alpe Gamperdona ist. Ursprünglich befanden sich im Gamperdonatal jedoch drei Sennereistandorte der Gemeinde Nenzing mit jeweils vier Hütten in relativ geringer Nähe zueinander: beim heute noch bestehenden Senntum in Tschöppis (östlich der Meng), in der Flur Armafiel und uf der Schupfa (beide westlich der Meng). Die drei Standorte wurden im jährlichen Wechsel bewirtschaftet, damit ihre direkte Umgebung nicht überdüngt wurde (Marte 1981, 127). Jeder dieser drei Standorte hatte vier Gebäude, je eines für die vier Hochalpen Setsch, Panül, Güfel und Stafeldon. Diese ehemalige Aufteilung der vier Gebäude der Gemeindesennereistandorte auf die vier Hochalpen ist heute noch bei den Gebäuden des Senntums im Tschöppis erkennbar. Im Franziszeischen Katasterplan von 1857 sind die ehemaligen Gemeindesennhütten verzeichnet, die etwas talauswärts der Privathütten lagen.
Laut der Erzählung von Karl Gamon ereignete sich der tragische Mord in den Sennhütten uf der Schupfa. Otto Marte hingegen schreibt in seinem Buch „Landwirtschaftsgeschichte von Nenzing“ (Marte 1981, 120), dass der Mord an Küng in der „Stafeldoner Sennhütte auf dem Armafiel“ statt gefunden habe. Als Quelle nennt Marte einen Christian Behrle. Der letzte Christian Behrle, der im Sippenbuch der Gemeinde Nenzing verzeichnet ist, starb 1916. Zum Zeitpunkt von Behrles Tod war Marte 23 Jahre alt. Die Geschichte über den Mord wurde ihm daher vermutlich bereits in jungen Jahren mündlich von Behrle überliefert. Worin sich beide Quellen – also Karl Gamon und Otto Marte – hingegen einig sind, ist, dass es sich beim betroffenen Alppersonal um jenes der Hochalpe Stafeldon handelte und somit der Mord auch in der zur Hochalpe Stafeldon gehörigen Gemeindesennhütte statt fand.
Um zu klären, ob der Mord an Küng nun im Armafiel oder uf der Schupfa stattfand, suchten wir im Landesarchiv Vorarlberg nach Hinweisen auf den genauen Tatort. Nach längerer Recherche in unterschiedlichen Quellen stießen wir schließlich auf den Verlassenschaftsakt von Markus Küng. Darin wurde der Tatort bereits auf der ersten Seite eindeutig festgehalten:
„Sterbetag und Sterbeort, starb den 21. September 1863 in der Alpe Gamperdona in der Sennthumhütte No 372 auf der Schupfen.“

Bei der „Sennthumhütte“ mit Hausnummer 372 handelt es sich laut Bauparzellenprotokoll 1857 um die Hütte mit der Bauparzelle .833, die sich uf der Schupfa befand. Damit ist der genaue Tatort eindeutig identifiziert.


Der Bildstock
Gegenüber der ehemaligen Gemeindesennhütten uf der Schupfa, auf der anderen Seite der Meng, direkt an der Fahrstraße in den Nenzinger Himmel befindet sich ein Bildstock, der an den Mord an Markus Küng erinnert. Im Jahr 2003 wurde der originale Bildstock durch Gertrude Huber in Zusammenarbeit mit Prisca Grass ersetzt, da der alte Bildstock aufgrund der Witterung zu beschädigt und die Inschrift kaum mehr erkennbar war. Der originale Bildstock befindet sich in Verwahrung bei Gertrude Huber. In einem Gespräch mit ihr erfuhren wir, dass der ursprüngliche Bildstock einige Meter weiter östlich/hangaufwärts der heutigen Fahrstrasse gestanden habe und erst im Zuge der Erneuerung an den Rand des Weges versetzt wurde.
Normalerweise werden Bildstöcke am Ort bzw. im näheren Umfeld des Ereignisses aufgestellt, dem sie gedenken sollen. Daher wäre eigentlich anzunehmen, dass der Bildstock bei den Gebäuderesten der ehemaligen Gemeindesennhütten uf der Schupfa errichtet wurde. Doch der Bildstock für Markus Küng befindet sich ca. 400 m entfernt, auf der anderen Seite der Meng. Vermutlich wurde der Bildstock entlang des Fahrwegs errichtet, also an einem Ort, an dem alle Personen am Weg in den Nenzinger Himmel vorbei müssen, damit er auch gesehen wird. Allerdings ist es auch denkbar, dass sich der Bildstock früher, bevor die Gemeindesennhütten aufgelassen wurden, bei diesen befand. In der 3. reambulierten Landesaufnahme Vorarlbergs von 1887 ist der Bildstock jedenfalls bereits am heutigen Standort eingezeichnet. In der 1871–1872 durchgeführten 3. Landesaufnahme ist der Bildstock hingegen nicht entlang des Wegs in den Nenzinger Himmel kartiert, allerdings auch nicht bei den damals noch bestehenden Hütten uf der Schupfa. Es ist allerdings fraglich, ob der Bildstock in dieser Karte nicht eingezeichnet oder ob er erst danach (z. B. anlässlich des 10-jährigen Gedenkens 1873?) errichtet wurde.

Der Bildstock trägt die Inschrift:
Christliche Erinnerung
am 21 Sept. 1863 um 1 Uhr früh wurde der 36 Jahre alte Senn Markus Küng durch Daniel Gut ermordet. Nach der Tat steckte er die Alphütte des Markus Küng in Brand, stürzte sich in die Flammen und fand dabei den Tod.
R. I. P.


Die Flucht
Nach dem Mord flüchtete Daniel Gut taleinwärts, also weg von den Gemeindesennhütten uf der Schupfa in Richtung der privaten Alphütten im Umfeld der Kapelle St. Rochus. Warum Gut taleinwärts und nicht auswärts, Richtung Nenzing bzw. den Walgau, floh, scheint auf den ersten Blick nicht logisch. Eventuell wollte er sich in einer der privaten Sennhütten verstecken, wie einige Zeitungen andeuten. Denkbar ist auch, dass Daniel Gut über die Grenze in die Schweiz flüchten wollte oder schlichtweg in Panik ohne ein bestimmtes Ziel davon rannte. Eine weitere Möglichkeit ist, dass Daniel Gut nach dem Mord an Markus Küng aus Rache bzw. Jähzorn (was zu seiner Charakterbeschreibung laut Karl Gamon passen würde) die Hütte der Familie seines Mordopfers anzünden wollte. Das würde erklären, warum er sich nach der Tat nicht einfach irgendwohin absetzte, sondern gezielt in Richtung der Privathütten bzw. der Hütte der Familie Küng unterwegs war.
Das angebliche Gespräch Guts mit Josef Selb (bzw. dass Gut in dessen Hütte eindringen wollte) würde gut zur Vermutung passen, dass er sich verstecken wollte. Laut der eingangs zitierten Geschichte von Karl Gamon versuchte Daniel Gut auf dem Weg unter dem makabren Vorwand, Josef „Sepp“ Selb „rasieren“ zu wollen, in dessen Hütte einzudringen. In Zusammenhang mit der Angabe Karl Gamons, dass Daniel Gut davor Christian Tschetter mit dem Rasiermesser umbringen wollte, könnte man im Angebot der nächtlichen Rasur durchaus eine Mordabsicht vermuten. Selb ließ ihn jedoch nicht in die Hütte, sondern führte durch die verschlossene Tür ein kurzes Gespräch mit Daniel Gut. Ob Daniel Gut zu Selb tatsächlich sagte, dass er diesen „rasieren“ wolle, lässt sich natürlich nicht mehr nachweisen; es finden sich auch keine entsprechenden Hinweise in den Zeitungen. In der Feldkircher Zeitung ist das Gespräch zwischen Daniel Gut und Selb etwas anders beschrieben: „Bevor der Mörder das Feuer anschürte [Anm.: die darauf folgende Brandstiftung], kam er in der Nacht, bald nach der Blutthat – dieselbe mochte etwa gegen 1 Uhr vorgefallen sein – zu einem mit ihm auf sehr gutem Fuße stehenden Galthirten, der zufällig gerade in jener Nacht die Thüre gesperrt und den Schlüssel abgezogen hatte, klopfte ihm am Fester und bekannte, daß er den Senn erschlagen und daß er ihn (den Galthirten) wohl nimmer sehen werde.“ Demnach handelt es sich beim angeblichen Angebot, Selb zu „rasieren“, wohl eher um eine spätere erzählerische Erfindung.
Ein weiterer Zeitungsartikel verweist möglicherweise ebenfalls auf das Gespräch mit Selb. In der rätoromanischen Zeitung Fögl d’Engiadina heißt es: „Darauf trat der Mörder ins Freie und ging in Richtung einer anderen Alphütte in der Nähe, wo er den Hirten mit einer Axt töten wollte, was ihm nicht gelang.“ (Dank an Flurin Filli für die Transkription!) Laut diesem Artikel wäre die Tötungsabsicht eindeutig, allerdings ist fraglich, ob es sich bei dem Hirten um Selb handelte und ob die Angaben überhaupt korrekt sind – ein Übersetzungsfehler ins Rätoromanische ist nicht ausgeschlossen.
Auffallend ist, dass laut Otto Marte (Marte 1981, 120) Daniel Gut „den Mitknecht Selb verletzt“ habe. Da kein weiterer Hinweis vorliegt, dass Selb tatsächlich durch Daniel Gut verletzt wurde, handelt es sich wahrscheinlich um eine Verwechslung von Selb mit Tschetter.
Vermutlich hielt sich Sepp Selb in der Hütte seines Onkels Andreas Selb (Bauparzelle .842, heute Tschöppis 4) auf, welche entlang der wahrscheinlichen Wegstrecke (dem heutigen Fahrweg) zwischen den Sennhütten uf der Schupfa und der Hütte der Familie Küng liegt. Dass sich Selb tatsächlich in der Hütte Bauparzelle .842 befand, kann nicht zweifelsfrei belegt werden. Es scheint jedoch unwahrscheinlich, dass sich Selb bei den Gemeindesennhütten uf der Schupfa befand, da das in den Quellen erwähnte Gespräch zwischen Selb und Gut im wahrscheinlich direkt auf den Mord an Küng entstandenen Tumult schwer vorstellbar ist. Warum sich Selb, der in den Quellen als „Galthirte“ und „Mitknecht“ bezeichnet wurde, anscheinend nicht beim restlichen Alppersonal in den Gemeindesennhütten uf der Schupfa befand, ist fraglich.

Brandstiftung und Selbstmord
Nach der Tat und dem Gespräch mit Selb begab sich Daniel Gut taleinwärts zu den Privatsennhütten und zündete diese an. Die Feldkircher Zeitung präzisiert diese Angaben: „Angezündet hatte der Kuhhirt nur jene Hütte, welche dem Ermordeten gehörte, der heftige Wind aber theilte das Feuer noch 5 anderen Hütten mit.“ Auch auf dem Bildstock ist vermerkt: „Nach der Tat steckte er die Alphütte des Markus Küng in Brand, stürzte sich in die Flammen und fand dabei den Tod.“ Diese Informationen finden sich in den anderen Zeitungen und der Erzählung Karl Gamons nicht. Dass Daniel Gut nur die Hütte der Familie Küng anzündete, lässt vermuten, dass er bei seiner Flucht vom Tatort gezielt zu dieser Hütte ging.
Die im Gamperdonatal stationierten drei k. k. Finanzwachtbeamten fanden Daniel Gut angeblich vor der brennenden Hütte stehend. Daniel Gut sprang, als ein Finanzwachtbeamter „bis auf ungefähr 20 Schritte in die Nähe gekommen war, unter einigen verzweifelten Ausrufen: ‚Ich bin der Mörder, der Mordbrenner, ich weiß, was mir geschieht‘ in die brennende Hütte, wo er seinen Tod fand.“ Angefacht durch Föhnwind sprangen die Flammen auch auf benachbarte Hütten und den Wald über. Der Wald wurde zum Glück nicht weiter in Mitleidenschaft gezogen, die sechs Hütten brannten hingegen vollständig nieder. Angeblich wurde „die Feuerröthe der brennenden Alphütten in Buchs und Sargans am Horizonte über dem Triesnerberg um halb 2 Uhr Montag Morgens wahrgenommen“. Am Montag früh eilten aus Nenzing „hundert Mann“ herbei, um den Brand zu löschen.
In den meisten Berichten über die Schreckensnacht im Nenzinger Himmel werden die letzten Worte Daniel Guts, bevor er „mit einem höllischen Gelächter“ in die brennende Hütte sprang, wiedergegeben, wahrscheinlich um der Geschichte einen dramatischen, authentischen und unmittelbaren Touch zu geben. Allerdings unterscheiden sich diese Worte fast immer, daher ist die Echtheit dieser Zitate natürlich anzuzweifeln. Laut der eingangs zitierten Erzählung von Karl Gamon rief er „lahr Herra, iahr erwüschen mi nümma!“. In den Zeitungen finden sich hingegen folgende Ausrufe: „Ich bin der Mörder, der Mordbrenner“ und „Da drin werde ich verdammt“ (Feldkircher Zeitung vom 23. September 1863), „Ich bin ewig verdammt!” (St. Galler Zeitung vom 28. September 1863), „Eau sun eternamaing condanno!“ („Ich bin ewig verdammt!”, Fögl d’Engiadina vom 10. Oktober 1863).
Nachdem der Brand erloschen war, fand man die Überreste des Leichnams von Daniel Gut. In der Feldkircher Zeitung hieß es hierzu: „Man fand von ihm nur noch den gebrannten Rumpf, Kopf, Hände und Füße waren abgebrannt, die Eingeweide drangen aus dem Bauche heraus.“
Doch wo standen die Hütte, in der sich Daniel Gut das Leben nahm, und die Hütten, die durch sein Zutun Feuer fingen und nieder brannten? Die wichtigste Quelle ist auch hierfür der Franziszeische Katasterplan von 1857 sowie die Durchsicht der Bauparzellenprotokolle. Im Katasterplan sind sechs Hüttenplätze östlich des heutigen Alpengasthofs Gamperdona (unterhalb des heutigen Parkplatzes) verzeichnet, die nachträglich rot markiert und damit als „aufgelassen“ eingetragen wurden. Damals bestanden im Bereich Löchera neben diesen sechs nachträglich aufgelassenen Bauparzellen nur fünf weitere Gebäude südlich von diesen, also insgesamt elf Hütten. Der heutige Alpengasthof Gamperdona/„Hotel“ wurde erst 1899 errichtet (siehe Beitrag Thomas Gamon in Bludenzer Geschichtsblätter 152, 2025).
Einen weiteren Hinweis zu den abgebrannten Hütten bietet uns ein Zeitungsartikel, der 49 Jahre nach dem Mord vom Vorarlberger Volksblatt veröffentlicht wurde. Diesem Artikel zur Alpe Gamperdona ist folgendes zu entnehmen: „In jener Schreckensnacht brannten über der Leiche eines geistesumnachteten Übeltäters 6 Hütten nieder, die nicht mehr aufgebaut wurden, deren Hofstätten aber heute unter dem Unterkunftshause [Anm.: der Alpengasthof Gamperdona] hart an der Straße in ihren Umrissen noch gut sichtbar sind.“ Diese Beschreibung stimmt mit den im Franziszeischen Katasterplan „aufgelassenen“ Parzellen überein.
Bei der Durchsicht der Bauparzellenprotokolle der „aufgelassenen“ Parzellen aus dem Jahr 1857 sticht ein Name besonders hervor: Thomas Küng (eigentlich Franz Thomas Küng; *05.03.1792 in Nenzing, †06.11.1864 in Nenzing), der Vater des Mordopfers Markus Küng. Dank der Angaben der Feldkircher Zeitung und des Bildstocks lässt sich somit auch die Hütte, in der Daniel Gut Selbstmord beging, zweifelsfrei lokalisieren. Sie trug die Bauparzellennummer .853 und ist eine der als „aufgelassen“ markierten Parzellen.

Auch die anderen Hütten, die dem Feuer zum Opfer fielen, konnten somit identifiziert werden. Hier eine kurze Auflistung der Besitzer dieser Hütten um das Jahr 1857 und der dazugehörigen Bauparzellennummern:
- Franz Josef Lutz, Parzelle .849
- Moritz Jussel, Parzelle .850
- Mathias Beck, Parzelle .851
- Johann Josef Häusle, Parzelle .852
- Christian Egger, Parzelle .854
Durch die Brandstiftung erlitten fünf eigentlich an den Vorgängen unbeteiligte Parteien (sowie die Familie Küng neben ihrem tragischen Verlust) materiellen Schaden. Natürlich hatten die Hütten im Nenzinger Himmel damals bei weitem keinen so hohen finanziellen Wert wie heute (im Jahr 1865 wurde eine Sennhütte in der Alpe Gamperdona im Rahmen einer Versteigerung vom Bezirksamt Bludenz mit 50 Gulden – das entspräche heute ca. 850€ – bewertet). Dennoch ist zu vermuten, dass die geschädigten Familien versuchten, den durch den Verlust ihrer Privatsennhütten entstandenen finanziellen Schaden auszugleichen bzw. Kompensation zu erhalten. Zwar bestanden zu dieser Zeit bereits erste „Brandassekuranzen“ (= Brandschutzversicherungen) in Vorarlberg, allerdings waren die einfachen privaten Sennhütten im Nenzinger Himmel von diesen nicht gedeckt. Leider konnten bislang keine Unterlagen gefunden werden, die darauf hinweisen, dass sich die geschädigten Parteien diesbezüglich an den Bruder des Brandstifters, dem vermutlich vermögenden Pfarrer und Wirtshausbetreiber Josef Gut als direktem Verwandten, an die Gemeinde Nenzing oder an das Bezirksgericht Bludenz wandten.
Vermutlich brannten aufgrund des Föhnsturm nur die Gebäude nördlich der Hütte der Familie Küng sowie die direkt südlich angrenzende ab, die weiter südlich gelegenen fünf Hütten wurden vom Funkenflug verschont.
Der zeitliche Ablauf
Heutzutage findet der Alpabtrieb der Alpe Gamperdona meist Mitte September statt (siehe die entsprechenden Einträge auf der Homepage der Agrargemeinschaft Nenzing). Mitte des 19. Jahrhunderts dauerte der Alpsommer jedoch länger als heute, ein Alpabtrieb erst im Oktober war nicht unüblich (siehe Marte 1981, 114–141). Die Alpabfahrt von den Hochalpen zu den Gemeindesennhütten im Gamperdonatal fand meist Ende August (28. August) statt. Daher befand sich das Alppersonal der Hochalpe Stafeldon um den 20. September 1863 uf der Schupfa. Die privaten Sennhütten im Nenzinger Himmel waren im September hingegen tendenziell leer, da sie vor allem im Juni während des Brochathaltens (Privatsennen während des Junis in den privaten Hütten; Marte 1981, 82) genutzt wurden. Das erklärt wahrscheinlich auch, warum in den abgebrannten sechs Hütten anscheinend niemand anwesend war, der den Brand löschen hätte können, und warum niemand durch den Brand verletzt wurde.
Bezüglich des Datums der Vorfälle sind sich die Tageszeitungen einig (z. B. die Feldkircher Zeitung sowohl im ersten Bericht vom 23. September als auch beim Nachtrag vom 26. September): Die Tat fand nach Mitternacht in der Nacht von Sonntag (20. September) auf Montag (21. September) statt. Nur in einem späteren Zeitungsartikel im Vorarlberger Volksblatt ist die Rede von „der Nacht vom 21. auf 22. September 1862 [sic!]“. Allerdings spricht die falsche Jahreszahl nicht unbedingt für die Zuverlässigkeit der Quelle. In der eingangs zitierten Erzählung von Karl Gamon entsteht etwas unglücklich der Eindruck, dass die darin erwähnten Unstimmigkeiten zwischen Mörder und Opfer (Daniel Gut wollte noch das „Räuberlied“ singen, Küng schickte jedoch alle ins Bett) am Abend des 21. September vorfielen, demzufolge wäre der eigentliche Mord am 22. September geschehen. Allerdings gibt Karl Gamon den Todestag von Küng und Gut korrekt mit dem 21. September an, was sich mit den Angaben in den Tageszeitungen deckt.
Genauere zeitliche Angaben zu den Geschehnissen jener Nacht sind spärlich. Im Sterbebuch von Nenzing wird der Todeszeitpunkt Küngs mit „21. September um 1 Uhr früh“, der Todeszeitpunkt Guts mit „21. September früh“ angegeben, laut der St. Galler Zeitung hingegen „Sonntags circa um Mitternacht“ – hier wird das amtliche Nenzinger Sterbebuch wohl genauer sein als die eine Woche später erschienene und räumlich entfernte Tageszeitung. Der Todeszeitpunkt Markus Küngs ist vermutlich relativ grob angegeben, da im Tumult wohl niemand auf die Uhr – wenn denn eine vorhanden war – gesehen hat. Wir können also davon ausgehen, dass der tatsächliche Todeszeitpunkt 15 Minuten früher oder später war, eventuell sogar noch mehr.
Warum hingegen die ungefähre Todeszeit des Mörders Daniel Gut im Nenzinger Sterbebuch nicht angegeben wurde, ist fraglich. Eine ungefähre zeitliche Angabe basierend auf der Todeszeit Markus Küngs – also 30 Minuten, eine Stunde, zwei Stunden später – wäre wohl sicherlich möglich gewesen. Außerdem ist anzunehmen, dass die beim Selbstmord Guts anwesenden Finanzbeamten eine Uhr besaßen und einen Bericht über die Vorkommnisse, in die sie zumindest am Rande involviert waren, schreiben mussten (leider konnten wir einen solchen Bericht bislang nicht auffinden), eine genauere zeitliche Angabe der Todeszeit Daniel Guts wäre somit wohl vorhanden gewesen.
Sollte die ungefähre Todeszeit Küngs „um 1 Uhr früh“ korrekt sein und die Behauptung der St. Galler Zeitung, dass „die Feuerröthe der brennenden Alphütten in Buchs und Sargans am Horizonte über dem Triesnerberg um halb 2 Uhr Montag Morgens wahrgenommen“ wurde, stimmen, wäre zwischen dem Mord an Markus Küng und der Brandstiftung (und damit vermutlich auch dem Selbstmord Daniel Guts) nur etwa eine halbe Stunde vergangen. Auch wenn aus den Quellen hervorgeht, dass Daniel Gut nur eine Hütte angezündet hat und die restlichen Hütten durch den Funkenflug Feuer fingen, kann sich die Brandentwicklung der Holzhütten durch die Brandstiftung und den Föhnsturm relativ rasch abgespielt haben. Dass man im Alpenrheintal in der Halbmondnacht das Leuchten in den Bergen, das durch die sechs brennenden Hütten verursacht wurde, sehen konnte, scheint plausibel – damals gab es in der Nacht keine starke Lichtverschmutzung wie heute durch Straßenbeleuchtung etc. Die Uhrzeit um „halb 2 Uhr Montag Morgens“ scheint ebenfalls wahrscheinlich, da im Tal Uhren eher verfügbar waren (z. B. die Kirchturmuhren von Buchs und Sargans) und es naheliegend scheint, dass sich die Zeugen bei einem vermuteten Brandereignis die Zeit merken. Diese Zeitangabe ist daher vermutlich verlässlich.
Der Tatort uf der Schupfa und die Hütte, in der Küng Selbstmord beging, liegen ca. 1,3 km Luftlinie auseinander. Diese Distanz bzw. der heutige Weg zwischen diesen beiden Orten (entlang des heutigen Fahrwegs über die Hütte Selb/Tschöppis 4 und das heutige Senntum und weiter über die Fußgängerbrücke bei der Säge zur Hütte Küng) kann zügig in ca. 20 min abgegangen werden. Natürlich ist es sehr wahrscheinlich, dass Daniel Gut auf seiner Flucht nicht nur zügig/schnell ging, sondern zumindest teilweise rannte. Es ist somit durchaus plausibel, dass etwa eine halbe Stunde zwischen Mord und Brandstifung lag.

Zum zeitlichen Ablauf der Brandstiftung in der Hütte Küng (Bauparzelle .853) und dem Übergreifen des Feuers auf die benachbarten Hütten können natürlich nur Mutmaßungen angestellt werden. Die privaten Sennhütten wurden in Holzbauweise mit einem Schindeldach errichtet. Eine schnelle Brandausbreitung erscheint daher sehr plausibel, zumal es sich um Brandstiftung handelte. Auch befanden sich dort Schlafräume mit Strohmatratzen und sicherlich weiteren brennbaren Materialien. Beim Brand eines Schindeldaches entsteht zudem starker Funkenflug, der auch in den Zeitungsberichten beschrieben wird. Zusammen mit dem Umstand, dass in der Mordnacht ein Föhnsturm herrschte, ist eine rasche Ausbreitung des Feuers sehr wahrscheinlich. Damit ist es durchaus möglich, dass zumindest eine Hütte innerhalb von etwa 30 Minuten in Vollbrand stand. Fraglich ist, ob bereits das Feuer der Hütte Küng oder erst das Feuer aller sechs Hütten im schweizer Alpenrheintal wahrnehmbar war.
Wenn man die vagen Zeitangaben betrachtet und die bekannten Ereignisse berücksichtigt, könnten die groben zeitlichen Angaben somit korrekt sein, auch wenn man das angebliche, kurze Gespräch zwischen Daniel Gut und Josef Selb mit einbezieht, allerdings wäre der zeitliche Rahmen sehr knapp. Jedenfalls müssten die Ereignisse in jener Nacht direkt aufeinander erfolgt sein (also ohne weitere Fluchtversuche o. Ä. durch Daniel Gut), um in den engen zeitlichen Rahmen zu passen.
Der Verbleib der Verstorbenen
- Markus Küng wurde am 23. September 1863 auf dem Friedhof in Nenzing bestattet.
- Anna Maria Gut wurde am 13. Februar 1863 auf dem Friedhof in Göfis beerdigt.
- Daniel Gut – als Selbstmörder durfte er nicht in geweihter Erde bestattet werden und so wurde er in der Mengschlucht unterhalb des Stellfeder-Bildstocks im Boden verscharrt. Die Gemeinde beauftragte damit Lorenz Ammann, genannt der „Rote Schreiner“, der dafür 10 Gulden (was damals etwa 10 Tagen Arbeit oder heute etwa 160 € entsprechen würde) erhielt.
Die Folgen – was geschah mit den Tatorten?
Die Gemeindesennhütten uf der Schupfa
Wann genau die Hütten im Armafiel und uf der Schupfa aufgelassen wurden, lässt sich nicht mehr exakt bestimmen, aber anhand von Servitutsrechtsgutachten etc. relativ genau eingrenzen. Laut Otto Marte waren die Hütten uf der Schupfa mit dem Neubau der Hütten des Senntums im Tschöppis zu Beginn der 1880er-Jahre nicht mehr notwendig (Marte 1981, 79). In einem technischen Bericht der Landeshauptmannschaft Vorarlberg vom 24.07.1935 ist vermerkt, dass im Jahr 1898 in Tschöppis zwei große Alpstallungen für insgesamt 400 Stück Vieh errichtet wurden. Vermutlich ist im Zuge des Neubaus des heute noch bestehenden Senntums die Bedeutung der Sennhütten uf der Schupfa und im Armafiel zurückgegangen. In dem Bericht wird zudem erwähnt, dass die vier Sennhütten in Armafiel zu diesem Zeitpunkt nicht mehr bestehen. Von den vier Sennhütten uf der Schupfa werden im Jahr 1935 zwei aufgelassen, während die Sennhütten mit den Bauparzellennummern .831 und .834 repariert und erhalten werden sollen. In einem Berechnungsblatt vom 11.01.1947, in dem der Brennholzbezug der jeweiligen gemeindeeigenen Hütten erfasst wurde, ist bei den Sennhütten uf der Schupfa der Vermerk „nicht mehr in Betrieb“ eingetragen. Damit waren die Hütten spätestens 1947 vollständig aufgelassen. Im Orthofoto der 1950er‑Jahre ist ersichtlich, dass drei der vier Sennhütten bereits vollständig abgetragen und die Sennhütte mit der Bauparzellennummer .831 eingestürzt ist. Die Gebäuderuinen der vier Hütten uf der Schupfa sind im Orthofoto der 1970er-Jahre noch gut sichtbar, in den 1980er-Jahren wurden sie im Zuge des Ausbaus des Fahrwegs stark beschädigt. Die Überreste der ehemaligen vier Gemeindesennhütten uf der Schupfa liegen direkt westlich des Fahrwegs zum Trübbach und sind heute im Gelände kaum mehr erkennbar.

Die Privatsennhütten
An den ehemaligen Standorten der abgebrannten privaten Hütten wurden bis zum heutigen Tag keine neuen Hütten mehr errichtet. In der 3. Landesaufnahme (1871–1872) sowie in der revidierten 3. Landesaufnahme (1887) scheint es jedoch so, als ob die 1863 abgebrannten Hütten eingezeichnet sind und somit wieder aufgebaut wären. Allerdings ist fraglich, ob diese beiden Pläne wirklich im Detail korrekt sind und sich nicht vielmehr auf den Katasterplan von 1857 beziehen. Im reambulierten Katasterplan von 1875 sind die sechs Bauparzellen zwar eingezeichnet, jedoch als „aufgelassen“ markiert und ohne Bauparzellennummer eingetragen. Dies lässt darauf schließen, dass sie aus dem Kataster gelöscht wurden und daher nicht wieder bebaut wurden.
Warum diese sechs Hütten nicht wiedererrichtet wurden und die Bauparzellen aufgelassen wurden, konnte im Zuge unserer Recherchen nicht eruiert werden. Es ist zumindest vorstellbar, dass eine gewisse Portion an Aberglaube hierbei eine Rolle spielte, allerdings können auch rein wirtschaftliche Gründe den Wiederaufbau der Hütten verhindert haben. Der Brauch des Brochathaltens verlor an Bedeutung und hörte 1893 gänzlich auf (Marte 1981, 91), somit hatten die privaten Sennhütten keine wirtschaftliche Funktion mehr. Laut den Bauparzellenprotokollen besaßen die sechs geschädigten Personen danach keine Hütten im Gamperdonatal, was bedeutet, dass sie auch auf anderen Bauparzellen keine neuen Hütten errichteten. Eventuell waren die Privatsennhütten nicht mehr wirtschaftlich notwendig.

Heute lassen sich unterhalb/östlich des Parkplatzes des Alpengasthofs Gamperdona noch die Umrisse der einst abgebrannten Hütten im Gelände erkennen.


Glaube nichts, was du nicht selber (zu Tode) recherchiert hast!
Eigentlich begann die Idee zu diesem Artikel mit einem beiläufigen Gespräch über die Gebäudemulden, welche heute noch unterhalb des Alpengasthofs Gamperdona sichtbar sind. Wir hätten uns damals nicht gedacht, wie weit uns die Forschungen zu Markus Küng und Daniel Gut führen und wie viele bislang nicht bzw. nicht mehr bekannte Informationen wir noch finden würden. Am meisten hat uns allerdings überrascht, dass vermeintlich gesichertes, tradiertes Wissen (das sich auch in unseren Köpfen festgesetzt hatte!) einer genaueren Überprüfung oftmals nicht standhielt. Die falschen bzw. nicht ganz korrekten Angaben einiger Quellen, vor allem von Tageszeitungen, führten uns bei der Recherche oft in die ein oder andere Sackgasse, aus der nur ein weiterer „Aha!“-Moment heraus führte.
Unsere Recherchen zu den Geschehnissen der Nacht des 20. Septembers 1863 zeigen, dass das Infragestellen von Bekanntem sich lohnt und sich jede Forschergeneration aufs Neue und mithilfe ihrer Mittel und Möglichkeiten mit den Quellen auseinandersetzen sollte. Natürlich ist uns bewusst, dass auch wir nicht die „Wahrheit“ über die damaligen Vorkommnisse herausgefunden haben und auch nie gänzlich herausfinden können. Wir hoffen daher, dass in Zukunft noch weitere Quellen zu Tage kommen und unser Bild der Vergangenheit vervollständigen. Wir bleiben auf jeden Fall weiterhin an dem Thema dran und hoffen, dass wir weitere Informationen finden und ergänzen können. Falls uns das doch nicht gelingen sollte, so gehen wir davon aus, dass zukünftige Forschergenerationen, vielleicht ja sogar unsere Enkel, sich wieder und erfolgreicher mit dem Thema beschäftigen werden.
Außerdem zeigt das Beispiel der abgebrannten Hütten sehr gut, wie Orte bzw. Landschaften historisch aufgeladen sein können – oft ohne dass die Menschen, die in dieser Landschaft leben, noch von der Bedeutung dieser Orte wissen. Natürlich nimmt diese Bedeutung bzw. das Wissen von ihr mit zeitlichem Abstand ab. Wie eingangs erwähnt kennen zwar die meisten Nenzinger und Gamperdöndler dank des Sagenbuchs von Karl Gamon und des Bildstocks noch die Erzählungen über den Mord an Markus Küng und den Selbstmord Daniel Guts, aber das Wissen um die genauen Tatorte und den Ablauf jener Nacht geriet in Vergessenheit. Daher hoffen wir, mit unseren Recherchen 163 Jahre später die Geschehnisse und die Tatorte wieder ins Bewusstsein der Bevölkerung geholt zu haben. Und vielleicht gedenkt in Zukunft der eine oder andere Gamperdöndler oder Tourist der tragischen Vorkommnisse der Nacht des 20. Septembers 1863, wenn er an den Gebäudemulden unterhalb des Alpengasthofs Gamperdona vorbei läuft…
Literatur
Karl Gamon, Sagen und Geschichten aus Nenzing, 1986.
Otto Marte, Landwirtschaftsgeschichte von Nenzing. Die Alpen, die Wälder, die Jagd, die Allmende, der Feldbau und die Agrargemeinschaften Nenzing und Beschling-Latz, 1981.
Hans Matschek, Sippenbuch Frastanz & Nenzing, 2017.
Verschiedene Zeitungen; online verfügbar via Anno, E-Newspaperarchives und digiPress, direkt im Text verlinkt.
Quellen
Archiv der Diözese Feldkirch: Matrikenbücher Nenzing, Göfis; online verfügbar via Matricula.
Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen: Franziszeischer Katasterplan, Reambulierter Kataster.
Gemeindearchiv Nenzing: Sitzungsprotokolle.
VoGIS – Land Vorarlberg.
Vorarlberger Landesarchiv: österreichischer Grundsteuerkataster, Bauparzellenprotokoll Nenzing, Verfachbücher Gericht Bludenz, Agrargemeinschaft Nenzing, Verlassenschaftsakten.
(und viele andere Archive, leider erfolglos…)
Über die Autoren
Martin Gamon ist Archäologe mit einem Faible für historische Karten. Seit seiner Kindheit ist der Nenzinger Himmel sein Lieblingsort. Die Sage vom „Mord im Nenzinger Himmel“ hat sein Opa Karl ihm des Öfteren vorgelesen.
Marcel Maister, ein leidenschaftlicher Genealoge aus Vorarlberg, entdeckte bereits während seiner Schulzeit sein Interesse für Geschichte. Seit 2005 widmet er sich intensiv der Erforschung von Familien- und Regionalgeschichte. Darüber hinaus ist er als Archivar und Chronist der Ortsfeuerwehr Nenzing tätig. Als einer der beiden Projektleiter und Mitinitiatoren des Projekts „us Holz und Schtaa“ möchte er, dass das Wissen über die Geschichte unserer Vorfahren für jeden einfach zugänglich ist.

